Dienstag 21. April 2026

Schnellsuche auf der Website

30.09.2013

Die Kraft des Vergebens - Interview zum Buch

Wolfers: "Vergebung ist ein Weg in die Freiheit!"

Können wir nicht einfach vergessen, warum ist Vergebung notwendig?

Wolfers: Wir "müssen" nicht vergeben! Vergebung ist nicht einklagbar. Sie ist etwas, das wir dem anderen frei schenken - oder eben auch nicht. Und Vergeben ist ein Geschenk an uns selber!

Dass wir immer wieder verletzt werden, ist eine Lebenserfahrung, die wir alle machen. Daher stellt sich die Frage: Wie gehe ich mit Kränkungen um, dass ich nicht auf Dauer an ihnen krank werde? Und dass ich den erlittenen Schmerz nicht bewusst oder unbewusst an andere weitergebe?

Vergeben meint nicht, dass ich erlittene Verletzungen mit der Zeit vergesse (das geht gar nicht), sondern dass die Erinnerungen daran heilen können. Damit mich nicht mehr die dunklen Gefühle packen, ich nachts weniger Albträume habe und eines Tages mit mehr Frieden auf die Geschichte schaue.

 

"Die Zeit heilt alle Wunden", stimmt das Sprichwort also nicht?

Wolfers: Richtig an dem Sprichwort ist, dass Vergebung, wie jeder menschliche Prozess, Zeit braucht. Es braucht Zeit, bis ein Kind laufen lernt; es braucht Zeit, bis sich zwei Menschen schätzen und lieben lernen… Und so braucht auch die innere Aussöhnung Zeit. Es ist ein Weg, auf dem ich nur Schritt für Schritt gehen kann, und keine einmalige Willensentscheidung.

Aber es wäre falsch anzunehmen, dass die Zeit die Wunden heilt. Die Zeit ist neutral. Zeit ist ein Raum, in dem Wunden heilen können, aber auch eitern und Quelle von Bitterkeit werden können. Die Zeit als solche heilt noch keine Wunden, aber Wunden brauchen Zeit um zu heilen. Und je tiefer ich verletzt bin, umso mehr Zeit brauche ich.

 

Wer fügt uns die tiefsten Verletzungen zu: die Eltern, der Partner, der Chef…?

Wolfers: In allen zwischenmenschlichen Beziehungen können wir verletzt werden und andere verletzen. Es gibt keinen Raum, in dem wir unverletzbar wären. Wir sind aber umso verwundbarer, je bedeutsamer uns ein Mensch ist. Je mehr ich mich in einer Beziehung öffne, umso tiefer kann ich getroffen werden. In Freundschaften, Liebesbeziehungen und Partnerschaften sind wir daher sehr verletzbar, und: in der Kindheit! Wir sind in der Kindheit auf Zuwendung und Liebe angewiesen und können uns selber nicht gut schützen.

 

Worin liegt die "Kraft" des Vergebens?

Wolfers: Wer auf Dauer jemandem etwas nachträgt, der trägt schwer. Denn ich bin es, der/die jemandem etwas nachträgt. Wenn ich vergebe, dann löse ich mich aus dieser unguten Bindung. Ich kaue nicht nur an der Vergangenheit, sondern finde neu den Blick für das, was mir jetzt gegeben ist. Darin liegt die ganz große Kraft des Vergebens: Dass ich wieder fähig werde für die Herausforderungen und Geschenke der Gegenwart: Dafür, dass mich jemand anlächelt, dass mich jemand braucht… Das Leben lockt von vorne, nicht im Rückspiegel – sonst erstarre ich, wie Lot in der Bibel. Vergebung ist ein Weg in die Freiheit!

 

Gefühle wie Wut, Angst, Ohnmacht – wie sollen wir damit umgehen?

Wolfers: Es sind schwierige Gefühle, aber sie haben mir etwas zu sagen. Zum Beispiel die Wut ("Ich könnte dich auf den Mond schießen!"): Sie ist ein moralisch negativ belegtes Gefühl - gerade unter Christen - das wir lieber zur Seite schieben. Aber wir sollten es ernst nehmen, denn Wut ist wie ein Alarmsignal: "Achtung, hier wurde eine Grenze überschritten!" - Grenzen, die wir um unserer Selbstachtung willen möglicherweise schützen sollen.

Ein anderer positiver Sinn von Wut ist: Für andere einzutreten, wo Unrecht geschieht.

Also: Zuerst ist es wichtig, sich zu erlauben, dass ich mich wütend fühle, oder traurig, oder ohnmächtig. Dann kann ich versuchen, mein Gefühl zu verstehen, was es mir sagen will, um dann zu überlegen, wie ich handeln möchte.

 

Was kann das Christentum beitragen, damit Vergebung gelingt?

Wolfers: Menschheitsgeschichtlich hat Vergebung - als Wunsch nach Frieden mit Gott, mit dem anderen und mit sich - einen religiösen Kontext. Das hat seinen guten Grund: Vergebung ist nicht nur eine Sache des eigenen Bemühens, sondern ist immer auch etwas, das in einem geschieht. Ich kenne niemanden, der es nicht auch als ein Geschenk erfährt, wenn er etwas, das ihn sehr gekränkt hat, loslassen und dem anderen vergeben kann. Die amerikanische Forgiveness-Forschung nennt das die "spirituelle Dimension".

Und speziell das Christentum ist ja eine therapeutische Religion! Jesus tritt den Menschen mit unvoreingenommener Güte entgegen und glaubt an das Gute in ihnen. Im Licht seiner Zuneigung und Liebe heilen Beziehungswunden und können Menschen sich auch aus eigenen Schuldverstrickungen lösen.