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30.10.2013

Wer ist mein Zachäus?

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 3. November 2013

Was ein Besuch doch alles bewirken kann! Ein Besuch bei jemandem, der sich das nie hätte träumen lassen. Ein Besuch bei einem, der allen verhasst, von allen verachtet ist. Ein Besuch bei einem Menschen, der ganz ausgegrenzt ist und daher gar nicht mehr damit rechnet, von jemandem geschätzt und geachtet zu sein. Ein Besuch bei einem solchen Menschen kann dessen Leben verändern. Er kann Verbitterung lösen, Enttäuschung heilen, das Herz öffnen. Ein solcher Besuch kann einen Neuanfang bedeuten.

 

Von einem völlig unerwarteten Besuch ist im heutigen Evangelium die Rede. Er hat das Leben des Oberzöllners Zachäus grundlegend gewandelt. Die Geschichte von diesem steinreichen, aber kleingewachsenen Chef der Steuereintreiber hat immer schon die Phantasie beflügelt. Gerne wird die Zachäusgeschichte Kindern erzählt und mit Kindern gespielt. Bewegen sollte sie auch die Herzen von uns Erwachsenen.

 

Zachäus ist ein Ausgegrenzter, aus gutem Grund. Zu viele Menschen haben unter seiner erbarmungslosen Steuerknute gelitten. Sein Reichtum, auf Kosten der anderen angesammelt, hat ihn noch mehr isoliert. Gut geht es ihm damit sicher nicht. Sein Gewissen konnte er nicht mit Geld zum Schweigen bringen. Zachäus ist ein Zeuge dafür, dass auch im verachteten Menschen noch die Sehnsucht nach Annahme und Zugehörigkeit lebt, auch wenn diese Sehnsucht noch so sehr mit Reichtum und Macht überdeckt ist.

 

Zachäus hat, wie viele Menschen damals, von Jesus gehört, von seinen Wundern und Heilungen, vor allem aber von seiner Güte zu Menschen am Rand der Gesellschaft. Als es sich herumspricht, dass Jesus am Weg nach Jerusalem durch Jericho kommen wird, will Zachäus ihn unbedingt sehen. Hat er gehofft, ihm persönlich zu begegnen?

 

Die Menschenmenge drängt sich auf den Straßen, als Jesus schließlich durch Jericho kommt. "Die Rache des kleinen Mannes": Niemand macht Platz für den reichen Oberzöllner. So lässt man ihn die Verachtung spüren. Da tut er etwas fast Lächerliches: Der kleine, reiche Zachäus klettert auf einen Baum wie ein Bub. Von da oben kann er ungestört Jesus sehen.

 

Mich bewegt immer der Moment, in dem Jesus hinaufschaut und Zachäus sieht, wie die Blicke einander begegnen. Da sieht einer den Zöllner an, in dessen Augen keine Spur von Verachtung oder Verurteilung liegt. Und dann diese Worte: "Zachäus, steig' schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein!"  Und Jesus besucht vor aller Augen den verhassten Mann und ist sein Gast, zur Empörung der Leute, die nicht verstehen können, dass dieser Sünder einen solchen Besuch bekommt.

 

Was ein Besuch doch bewirken kann! Jesus verlangt nicht, dass Zachäus zuerst "ein anständiger Mensch" wird, ehe er ihn besuchen kommt. Er hält ihm keine Moralpredigt. Jesus nimmt ihn einfach an. Er sieht in ihm den Menschen und nicht den Sünder, und dieses Wohlwollen verändert das ganze Leben des Zachäus. Uns aber stellt das Evangelium die Frage: Wen sollte ich einfach besuchen? Wer ist mein Zachäus?