Es gibt keinen hoffnungslosen Fall: Mit dieser Kernbotschaft wandte sich Kardinal Christoph Schönborn im Rahmen der Weihnachtsfeier am Freitag, 20. Dezember 2013, in der Justizanstalt Josefstadt an die Häftlinge. In sehr persönlichen und berührenden Worten ging der Wiener Erzbischof dabei auf seinen am 10. August 2013 mit 26 Jahren an einer Überdosis Kokain und anderer Drogen verstorbenen Neffen ein. An der Weihnachtsfeier nahm auch der neue Justizminister Wolfgang Brandstetter teil.
"Vier Jahr hat mein Neffe bei mir gewohnt, hat im Dom gearbeitet - vier Jahre habe ich mit ihm den Kampf erlebt, ob er loskommt von der Droge oder nicht. Und dabei habe ich viel erfahren über die Welt der Dealer, auch viel erfahren über die Not wegen der Droge", so der Kardinal zu den mitfeiernden Häftlingen. Er habe "vier sehr gesegnete und schöne Jahre" mit dem Sohn seiner Schwester verbracht, den er aus seiner französischen Heimat nach Österreich geholt habe, weil seine Drogensucht, gegen die er zehn Jahre angekämpft habe, alle Betroffenen zu überfordern drohte. Nach einer Entziehungskur sei er rückfällig geworden, mit 26 Jahren an einer Überdosis gestorben und im 12. Wiener Gemeindebezirk tot von der Polizei gefunden wurden.
"Es tut mir immer noch wahnsinnig weh. Und doch gibt es keinen hoffnungslosen Fall", sagte Kardinal Schönborn. Auch wenn es tragisch sei, mit 26 Jahren an einer Überdosis zu sterben und letztlich den Kampf gegen die Drogensucht verloren zu haben, so sei "jeder Tag, der ihm gelungen ist, ein Sieg" gewesen.
"Jeder Tag, wenn ich in der Früh die Tür zugehen gehört habe und ich gewusst habe, er ist zur Arbeit gegangen, war ein Sieg. Jeder Tag, an dem er anderen Menschen eine Freude gemacht hat - und er hat vielen Menschen eine Freude gemacht - war ein Sieg, und nicht verloren. Jeder Tag, an dem jemand ihm ein Stück geholfen hat auf seinem Weg, war ein Sieg", so Kardinal Schönborn, der auch Programme der Substitutionstherapie trotz gelegentlich missbräuchlicher Anwendung verteidigte.
Erfolgreich sei eine Lebensgeschichte dann, wenn jemand sagen könne, er habe sich seinem Nächsten gegenüber als Nächster erwiesen und nicht weggeschaut, wenn es dem Anderen schlecht gegangen sei. Niemand könne dem Anderen garantieren, dass das Leben eine Erfolgsgeschichte werde: "Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Sie Super-Karrieren machen in Ihrem Leben, dass die Beziehungen gelingen, dass wir alle reich werden. Aber eines kann ich versprechen: Es gibt keinen hoffnungslosen Fall", sagte der Kardinal zu den Häftlingen. Gott kehre niemandem den Rücken zu und gebe niemandem preis.
Mut gebe auch die Wahl von Papst Franziskus durch die von ihm ausgestrahlte Zuwendung zu den Menschen. Der Kardinal erinnerte daran, dass der neu gewählte Papst am Gründonnerstag ins Jugendgefängnis von Rom gegangen war und zwölf jungen Männern und Frauen aus der Justizanstalt selbst die Füße gewaschen hat. "Das ist, wie man in der Fußballsprache sagt, eine Steilvorlage für uns". Der Papst würde auch jetzt, bei dieser Feier, "alle sehr, sehr herzlich grüßen", versicherte Kardinal Schönborn den mitfeiernden Häftlingen.