Der Vorhang geht auf. In der Ferne läuten die Kirchenglocken. Eine Clown-Frau betritt die Bühne: weißer, altmodischer Hut, blauweißgemustertes Kleid, altmodisch auch die Schuhe und die Strümpfe. Im Gesicht eine rote Plastiknase, die Augen groß und dunkel. Staunend und vorsichtig sieht sie sich die Umgebung an. Sie wirkt ein wenig verklemmt, aber authentisch, hält sich an ihrer Handtasche fest - auch ein Stück aus Großmutters Zeiten. Langsam wird sie mutig, dann übermütig: Sie schwingt ihre Handtasche, schwingt sie solange bis sie sich in der Schlaufe verheddert. Wie ein zorniges Kind wird sie böse auf ihre Tasche, schimpft mit ihr; um sich bald darauf mit ihr sozusagen zu versöhnen… alles ohne Worte, aber mit starker Mimik: rollende Augen, manchmal ein Seufzer, ein Kichern.
Schrullig, schüchtern, aber voller kindlicher Freude: Das ist die Clown-Frau Gwendolin Grübel. Dargestellt wird sie von Constanze Moritz. Sie wurde an einem Faschingssonntag geboren und steht seit einigen Jahren als Clownin auf der Bühne. "Gwendolin Grübel ist ein Teil von mir, aber sie ist nicht mir ident", sagt Constanze Moritz. Während ihrer Ausbildung auf einer Clownschule in Mainz hat sie die Figur entwickeln. "Ich selbst bin eher eine nachdenkliche, tiefsinnige Person. So heißt meine Gwendolin nicht zufällig Grübel!" Aber beim Ausarbeiten der Clownfigur hat sie entdeckt, dass Leichtigkeit und Verrücktheit auch zu ihrem eigenen Wesen gehören.
Das Spiel mit der Tasche zeige die Vielschichtigkeit der Gwendolin, sie ist einerseits zurückhaltend und sittsam, sie fragt sich: "Schickt sich überhaupt, mit der Tasche zu spielen… so schön gekleidet… an einem Sonntag?" Kurz darauf vergisst sie den Gedanken, es geht mit ihr durch und sie traut sich so Einiges. Constanze Moritz ist überzeugt, dass in jedem Menschen ein Clown steckt: "Das sind die spielerischen, kindlichen, ein wenig verrückten Seiten. Meistens sind sie verborgen, weil sie nicht gesellschaftsfähig sind. Denn im normalen Leben geht es um Leistung und Erfolg, da ist wenig Platz für das Spiel, die Freude oder das Trödeln."
Ein Clown müsse nicht unbedingt lustig sein, erklärt Constanze Moritz. Es gehe darum, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten: "Die Figur auf der Bühne macht irgendeinen Blödsinn, und die Zuseher denken: Aha, so bin ich auch manchmal, aber der Clown ist noch ein bisserl blöder als ich, er hat noch mehr Schwächen und Fehler. Darüber kann man dann schmunzeln und lachen, man ist innerlich berührt. Mir geht es genau darum. Ich will mit meiner Clown-Nummer die Menschen berühren, ich will ihr Herz ansprechen."
Constanze Moritz bietet Workshops unter dem Motto "clownen und staunen" an. Körper- und Atemübungen sowie Konzentrationsspiele helfen dabei, ganz im Hier und Jetzt zu sein.
Wer sich die rote Nase ins Gesicht setzt - die kleinste Maske der Welt - macht den ersten Schritt, um den Clown in sich zu entdecken und die Welt mit anderen Augen zu sehen. "Und das hat etwas mit Spiritualität zu tun", sagt Constanze Moritz und erklärt: "Der Clown lebt immer im Augenblick, er ist ganz präsent in allem, was er tut. Ich glaube, auch wir sehnen uns danach, mehr in der Gegenwart zu leben. Denn nur dort können wir Gott begegnen. Er ist immer da, aber wir sind - mit unseren Gedanken - oft woanders."
Auch das "absichtslose Dasein-dürfen" des Clowns habe etwas mit Spiritualität zu tun, so Constanze Moritz. Der Clown muss nichts wissen und leisten, er ist einfach da und weiß sich geliebt. "Das ist mir als Christin auch wichtig: Dass ich mich geliebt weiß, mit all meinen Fehlern und Schwächen." Typisch für den Clown sei auch die Freude. "Er hat eine bejahende Einstellung zu allem, was passiert: Wenn es regnet, sagt er nicht: Oje, was soll ich machen? Sondern: Wow, es regnet! Er geht hinaus und beginnt zu tanzen."
Noch eine Parallele zwischen dem Clown und der christlichen Existenz kann Constanze Moritz erkennen: Der Umgang mit dem Scheitern. "Der Clown ist ein Experte im Scheitern", sagt sie: "Er macht ein tolles Kunststück, und dann, oje, passiert ein Fehler. Aber der Clown macht weiter, und es entsteht ein neues Spiel, ein neues Kunststück". Man könnte das mit Ostern vergleichen, meint sie: "Wir feiern, dass Jesus gestorben ist, es aber damit nicht zu Ende ist, sondern etwas Neues beginnt, eine neue Chance - man könnte sagen ein neues Spiel, indem er den Tod überwindet und auferweckt wird."