Warum sollen Katholikinnen und Katholiken an der EU-Wahl am 25. Mai teilnehmen?
Quendler: Das Wählen stellt die Wahrnehmung eines eminenten Bürgerrechtes dar, dessen Bedeutung heute oftmals unterschätzt wird. Gleichzeitig ist zu fragen: Welche Bedeutung hat die EU für jeden von uns und auf welches Ziel hin wurde diese Gemeinschaft vor über sechzig Jahren gegründet und wie stellt sie sich für uns heute dar?
Die christlichen Politiker Schuman, Adenauer, De Gasperi gelten als primäre Pioniere des Friedensprojektes EU. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges bestand ihr vorrangiges Anliegen in der Sicherung einer friedlichen Entwicklung in Europa. Ihre Ideale waren ein friedliches, geeintes und wirtschaftlich erfolgreiches Europa. Gerade jetzt, im Moment einer schweren Krise des Kontinents, zeigt sich, dass diese Ideale immer wieder neu gefestigt werden müssen. Dazu gehört es auch, zur Wahl zu gehen.
Sie kennen seit langem die Arbeit der EU. Werden die Bürgerinnen und Bürger von den Zuständigen in Brüssel ernstgenommen?
Quendler: Wer sind die Zuständigen in Brüssel? Das politische System der Europäischen Union ist naturgemäß sehr komplex, wobei für die verschiedenen Politikbereiche auch unterschiedliche Verfahrensgrundsätze gelten. Das Parlament ist für die Gesetzgebung und den Haushaltsplan zuständig. Die Kommission ist für die exekutive Tätigkeit der EU da und ist darin von den nationalen Regierungen weitgehend unabhängig. Und es gibt noch weitere Organe.
Es geht letztlich um ein hochkomplexes System, bei dem der Eindruck der Bürgerferne und des Demokratiedefizites nicht zu leugnen ist. Daher ist die Forderung berechtigt, die EU-Bürger in bestimmten Politikbereichen stärker einzubinden. Auch im Hinblick darauf ist es notwendig, hochmotivierte sowie fachlich und politisch kompetente Abgeordnete zu wählen. Zitiert sei dazu auch der italienische Philosoph Umberto Eco: „In allen Demokratien gibt es nicht gewählte Institutionen“ (beispielsweise das britische Königshaus oder den amerikanischen Supreme Court). „Aber niemand kommt auf die Idee, ihre Rechtmäßigkeit zu bestreiten.“
Was kann man tun, um die Themen Bioethik und Lebensschutz auf EU-Ebene zu stärken?
Quendler: Damit werden zwei Themenbereiche angesprochen, die in den letzten Jahren einige Unruhe verursachten. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der viele unsere christlichen Überzeugungen nicht teilen. Aber wir lassen uns nicht entmutigen. Das bedeutet auch, bei Wahlen entsprechend unserer Überzeugungen zu handeln und im Rahmen zivilgesellschaftlicher Aktivitäten wirkungsvolle Akzente zu setzen.
Wie kann „Europa“ neu oder wieder ein Herzens-Thema für die Katholikinnen und Katholiken werden?
Quendler: Das ist nicht ganz so einfach. Es geht hier eher um eine realistische Einschätzung der gegenwärtigen Verhältnisse und die Zurückweisung von Illusionen. Bleiben wir bei Umberto Eco: Er denkt viel über das nach, was der britische Historiker Geoffrey Barraclough „den langen europäischen Bürgerkrieg“ genannt hat, die Zeit vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Fall der Berliner Mauer. Die dadurch bewirkte tiefe Teilung sei erst durch EU und Euro überwunden worden. So gesehen, muss Europa ein Herzensthema gerade für die Katholikinnen und Katholiken sein.