Im neuen Stadtviertel "Seestadt Aspern", das derzeit im Norden Wiens entsteht, will die Erzdiözese Wien auch im interreligiösen Sinn "Neuland" betreten: In Planung ist hier die Errichtung eines "Campus der Religionen" mit einer christlichen Kirche sowie Gebetshäusern anderer Religionsgemeinschaften, erklärte der Leiter des diözesanen Bauamtes, Harald Gnilsen, am Dienstag, 10. Juni 2014, gegenüber "Kathpress". Nachdem die Stadt Wien im Masterplan des Stadterweiterungsprojektes im 22. Gemeindebezirk einen Baublock für religiöse Gebäude vorgesehen hat, bestehe der Wunsch der Religionen zu einem "Zusammenkommen" wie auch allgemein "gutes Einvernehmen".
Bereits vor fünf Jahren hat die Erzdiözese von der Stadt Wien eine Förderung in der Höhe von 250.000 Euro für die Errichtung einer Kirche in der Seestadt Aspern erhalten, wobei eine ökumenische Gottesdienststelle für etwa 10.000 Bewohner geplant war. Gebaut wurde bisher nicht - "aufgrund des noch ausstehenden Abschlusses der Umweltverträglichkeitsprüfung sowie des Flächenwidmungs- und Bewilligungsverfahrens", wie Gnilsen erklärte. Inzwischen liegt mit dem Campus jedoch ein neuer Plan für die Seestadt und die bereits ausbezahlte Förderung vor.
Laut Erzdiözese haben die christlichen Kirchen ihre Teilnahme an einem "Campus der Religionen" bereits zugesagt, und auch die Vertreter der anderen Religionsgemeinschaften seien zur Beteiligung eingeladen worden. Gespräche seien derzeit im Laufen, so Gnilsen, es gehe um ein "Zueinanderfinden und Vertrauensschöpfen, sowie um das Zusammentragen der Vorstellungen und Bedürfnisse der einzelnen Religionsgemeinschaften", was vorerst fernab der Bühne der Öffentlichkeit geschehen müsse.
Umgesetzt wird das Vorhaben, für das zu einem späteren Zeitpunkt ein Architekturwettbewerb ausgelobt werden soll, frühestens in fünf Jahren, da die dafür vorgesehene Fläche, die den Informationen zufolge im nördlichen Teil der Seestadt, an einer zentralen Stelle in der Nähe des Sees liegt - erst 2018/19 ins Bauprogramm genommen wird. Ungeklärt ist bislang auch die Finanzierung, würde die Förderung der Stadt doch "keinen zweistelligen Prozentsatz der Kosten" abdecken, heißt es seitens der Erzdiözese.
Den Plänen zufolge soll jede Religionsgemeinschaft ihre eigenen Sakralräume und Gebetshäuser bekommen, während der Vorplatz und die Verwaltung geteilt werden. Man wolle keinen Einheitsraum für alle Konfessionen, betonte der Bauamtsleiter, habe doch jede Religionsgemeinschaft "eigene Anforderungen, Ausrichtungen und Symbole" und ein "Verwaschungssymbol" funktioniere seiner Ansicht nach nicht. Fix im Programm sind hingegen karitative und sozialisierende Angebote - "von Krabbelgruppen und Mütterrunden bis hin zu Jugendtreffs": Gerade für die vielen "Entwurzelten" der künftigen 25.000 Seestadt-Bewohner könnten die Religionsgemeinschaften wichtige Plattformen des Zusammenkommens bieten.
Der geplante "Campus" wäre in Österreich laut Gnilsen noch ein absolutes Novum, vergleichbar am ehesten mit dem 2012 eröffneten Berliner "Haus der Religionen". Die Idee dazu sei jedoch schon vor dem deutschen Projekt gekommen, dessen Entwicklung die Erzdiözese nun mit großem Interesse und in Austausch mit dem dortigen Architekten beobachte. Als "Modell" für die Seestadt sehe er jedoch eher noch die Andachtsräume, die im derzeit in Bau befindlichen Krankenhaus Wien-Nord entstehen, erklärte der Bauamtsleiter: Drei Religionsgemeinschaften - die christliche, jüdische und muslimische - erhalten hier je eigene Räumlichkeiten, teilen jedoch Vorplatz und Büro.
Als ein weiteres multikonfessionelles Projekt ist in Wien derzeit ein ellipsenförmiger "Raum der Stille" beim neuen Hauptbahnhof in der Ausführungsphase. "In Kooperation der katholischen mit der evangelischen und orthodoxen Kirche entsteht hier ein christlich dominierter Raum, der auch gemeinsam betrieben wird", so Gnilsen. Genutzt werden solle der gut sichtbare Raum am Rande eines Shoppingcenters, der rund 30 Menschen Platz bieten wird, künftig für Veranstaltungen, für Messen und auch zur Einkehr.
Die christlichen Kirchen wollen am Hauptbahnhof künftig "Präsenz zeigen" - angesichts der bis zu 200.000 Pendler, die pro Tag den Hauptbahnhof benutzen werden. Besonders für drei Personengruppen wolle man mit der Einrichtung ein Angebot schaffen, erklärte der diözesane Bauexperte: "Für Menschen, die täglich am Bahnhof vorbeikommen und denen es nicht gut geht, für Menschen, die vor Reiseantritt einen Segen bekommen wollen, sowie auch für die Menschen, die in den vielen neuen Arbeitsstätten tätig sind und Momente der Besinnung suchen."